Szenarien des Lernens in Videokonferenzen

Betrachtet man Lernszenarien in Videokonferenzen, dann stellt sich die Frage, inwieweit sich diese vom Lernen Face-to-Face (das heißt, Lernende und Lehrende befinden sich an einem gemeinsamen Ort) oder von anderen Formen des E-Learnings unterscheiden. Diese Frage lässt sich sowohl auf einer technischen als auch auf einer didaktischen Ebene beantworten. Technisch fokussiert diese Frage auf Aspekte wie den Aufwand, mit dem sich Lernen in Videokonferenzen realisieren lässt, und wie einfach der Zugang der Lernenden zu solchen Lernszenarien ist. Die Beantwortung dieser Frage ist von der verwendeten Infrastruktur abhängig und kann daher erst in der konkreten Anwendung berücksichtigt werden (Hinweise dazu finden Sie am Ende des Kapitels). An dieser Stelle liegt der Fokus auf dem didaktischen Aspekt, das heißt, wie sich charakteristische Eigenschaften von Videokonferenzen so einsetzen lassen, dass die Lernenden davon besonders profitieren: Synchrone sprachliche Kommunikation, durch die elaborierte Erklärungen und interaktive Diskussionen ermöglicht werden, und Application-Sharing, wodurch die Lernenden gleichzeitig auf einen gemeinsam sichtbaren Arbeitsbereich zugreifen können. Dadurch eignen sich Videokonferenzen besonders für kooperative Lernszenarien, die von interaktiver Kommunikation wie Tutoring oder Coaching profitieren, und für Szenarien, die eine gemeinsame Lösungs- oder Entscheidungsfindung beinhalten. Aspekte beider Szenarien sollen im Folgenden kurz charakterisiert werden:
Tutoring- und Coaching-Szenarien zeichnen sich durch unterschiedlich hohe Expertise der Teilnehmer/innen aus. Dabei leitet eine Person mit hoher Expertise eine oder mehrere Personen mit geringerer Expertise über Videokonferenz an. Der besondere Beitrag der Videokonferenz in solchen Situationen besteht in der Möglichkeit, zusätzliche Anwendungen oder Werkzeuge in den Lernprozess zu integrieren und dadurch gemeinsame Referenzpunkte zu schaffen (Ertl, 2007).
Bei der kooperativen Lösungs- oder Entscheidungsfindung diskutieren Lernende mit vergleichbarer Expertise gemeinsam Fragestellungen oder erarbeiten gemeinsam eine Problemlösung. Hier stehen die gemeinsame Diskussion und Problemreflexion im Vordergrund. Der spezifische Beitrag der Videokonferenz besteht in solchen Szenarien aus dem Bereitstellen eines hoch interaktiven Kommunikationsmediums und gemeinsamer Arbeitsdokumente für die Lerngruppe (Paechter, Kreisler & Maier, 2010).
Weitere didaktische Szenarien können Vorlesungen über Videokonferenzen umfassen. Die Übertragung von Vorlesungen erfolgt in speziellen, technisch entsprechend ausgestatteten Hörsälen. Interaktive Whiteboards (die technisierte Form der Wandtafel), spezielle Softwareprogramme und eine ausreichend hohe Übertragungsrate der Netzwerke sind dafür hilfreich. Die Lerninhalte werden zudem meist archiviert. Vorlesungen werden aufgezeichnet und ins Netz gestellt oder Dozierende erstellen Präsentationen ausschließlich für das Netz (vgl. VCC, siehe Literaturverzeichnis). Ergänzend dazu gibt es Ansätze, dass sich die einzelnen Teilnehmer/innen vom eigenen Computer aus an einem Videokonferenz-Seminar beteiligen; Gestaltungsvorschläge für das Design solcher Seminare und konkrete Anforderungen an Tutorinnen und Tutoren von Videokonferenz-Seminaren finden sich unter anderem bei Keller (2009). Er beschreibt auch Spezifika der Seminarsituation Videokonferenz. Insgesamt ist die Kommunikation beim Lernen mit Hilfe von Videokonferenzen der Face-to-Face-Kommunikation eher ähnlich; dennoch gibt es Unterschiede. Diese sollen im Folgenden näher betrachtet werden.