Lernmanagementsysteme

Durch die steigenden Bedürfnisse der WBT nach gezielter Benutzer/innen-Verwaltung oder einer allumfassenden Umgebung wurde um die Jahrtausendwende begonnen, sogenannte Lernmanagementsysteme (engl.‚ learning management system‘, LMS) zu programmieren.
Ein Lernmanagementsystem (engl. ‚learning management system‘, LMS) ist eine serverseitig installierte Software, die beliebige Lerninhalte über das Internet zu vermitteln hilft und die Organisation der dabei notwendigen Lernprozesse unterstützt (Baumgartner et al., 2002, 24).
Es wurde also schnell erkannt, dass Lernen und Lehren vielfältige organisatorische Aufgaben verlangt. Lernmanagementsysteme unterstützen in erster Linie Managementaufgaben von Lehrenden. Umgangssprachlich werden LMS auch oft als „Lernplattformen“ bezeichnet. War die Funktionalität der entsprechenden Produkte der diversen Unternehmen anfänglich uneinheitlich, so begann sich später durch die Marktkonsolidierung und den extensiven Praxiseinsatz eine gewisse funktionelle Standardisierung herauszukristallisieren (Schulmeister, 2000).
Bäumer et al. (2004) beschreibt drei wesentliche Säulen von Lernmanagementsystemen, nämlich: Administration, Kommunikation und Inhalte. Fünf Funktionsbereiche von LMS können dabei unterschieden werden:
  • Werkzeuge für Lehrende zur Erstellung von Aufgaben und Übungen
  • Evaluations- und Bewertungshilfen (Umfragen und Tests)
  • Präsentation von Inhalten (Lernmaterialien)
  • administrative Unterstützung von Lehrenden (zum Beispiel bei Abgaben, Terminen)
  • Kommunikationswerkzeuge für Lehrende und Lernende
Wenngleich LMS eine Fülle von Funktionen haben, ist ihr praktischer Einsatz häufig auf die Bereitstellung der Unterrichtsmaterialien der Lehrenden reduziert. Nach wie vor ist der Funktionsumfang, der diese Software charakterisiert, in sta ndigem Wandel. Auch sind in den konkreten Produkten nicht alle Funktionsbereiche im gleichen Umfang vorhanden, bzw. kann in ̈ einigen Fällen die eine oder andere Kategorie fehlen. Um die Systeme zu unterscheiden, werden auch weitere Bezeichnungen verwendet. So werden LMS, die auch Werkzeuge zur Erstellung und Anpassung von Lerninhalten integrieren, auch als Learning-Content- Management-System (LCMS) bezeichnet. In nahezu jeder Hochschule in Mitteleuropa sowie in vielen Schulen und Bildungseinrichtungen werden derzeit LMS eingesetzt. Recherchiert man LMS, findet man mehrere Hunderte, die LMS anbieten. Im Open-Source-Bereich gibt es allein mehr als 50 Projekte, die aktuell LMS entwickeln und offerieren. Zu den am weitesten verbreiteten gehören hier die beiden Open-Source-Produkte Moodle und Ilias. Blackboard ist das weltweit größte kommerziell anbietende Unternehmen.

Auswirkungen auf die Gestaltung des Lernens und Lehrens

LMS übernehmen, darauf weist auch die Bezeichnung „Management“ hin, vor allem organisierende und verwaltende Aufgaben, die auf klassischen Kurs-, Klassen- und Unterrichtsstrukturen beruhen. Lernenden werden bestimmte Kurse freigeschaltet, das heißt, sie können in aller Regel dort verfügbare Unterrichtsmaterialien oder Stundenpläne einsehen und beispielsweise auch in Diskussionsforen des Kurses Beiträge der Lehrenden und Mitlernenden lesen oder eigene verfassen. LMS gewährleisten somit, dass Lernende Zugang zu denen für sie relevanten Kursen und Lehrende beispielsweise Unterstützung bei der geordneten Abgabe, Bewertung und Rückmeldung von Arbeitsaufträgen erhalten. LMS stellen hier, im Unterschied zum Austausch von Dokumenten per E-Mail sowie dezentraler Verwaltung und Bewertung der Beiträge durch die Lehrenden, eine Arbeitserleichterung dar.
Wie einführend dargestellt, limitieren und gestalten Technologien das Lernen und Lehren. Aus dieser Perspektive rücken die Funktionen von LMS in ein anderes Licht. Die Konzeption von Organisation in Kursen und Klassen, sowie insbesondere die Rolle der Lehrenden als diejenigen, die über Zugänge und Lehrmaterial wesentlich bestimmen können, entspricht nur eingeschränkt den aktuellen Vorstellungen des technologiegestützten Lernens und Lehrens.
Die aktuell dominanten Theorien und erwünschten Konzepte (siehe Kapitel #lerntheorie) guten Lehrens stellen die Eigenaktivität der Lernenden und damit eigenständige Konstruktion und Diskussionen zum Lerngegenstand in den Vordergrund, bei denen die Lehrperson nicht primär als Experte oder Expertin des Fachs, sondern vor allem als Unterstützer/in des Lernens tätig ist. Schneider (2003) argumentiert so für die Unterstützung einer aktivitätsbasierten Pädagogik und kritisiert klassische E-Learning-Technologien wie LMS.
Er weist darauf hin, dass diese eine behavioristische Tradition fortsetzen und eine Praxis der klassischen Wissensübertragung fördern: Der Zugang zu Informationen, Wissen und auch der Kontakt zu Gleichgesinnten ist in LMS in der Praxis limitiert und nur durch Vermittlung von Institutionen und Autorita ten erreichbar, die wiederum darüber Prüfungen abnehmen.
In einer Zusammenfassung der Kritik an LMS von Siemens (2004) wird zudem darauf verwiesen, dass zentralisierte, monolithische Systeme nur wenig didaktische Variation erlauben. Dalsgaard (2006) kritisiert besonders die geringe Flexibilität, die bei der Nutzung eines LMS gegeben ist und sieht dringenden Bedarf, ̈ Lernenden mehr Freiräume bei der Auswahl von Kommunikations- und Interaktionswerkzeugen zu ermöglichen.
In den letzten Jahren hat die Verbreitung der Nutzung von sozialen Netzwerksystemen und die Entwicklung von zahlreichen Webanwendungen, welche die Kommunikation und die Kollaboration von Lernenden unterstützen können, zu ihrer zunehmenden Integration bzw. der Einführung von Schnittstellen zu solchen Angeboten in LMS geführt.
LMS sind aus vielen Bildungseinrichtungen nicht mehr wegzudenken. Reflektieren Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit LMS: Wie nutzen Lehrende und Lernende die Möglichkeiten dieser Systeme in Ihrer Umgebung? Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht, wie sie in den zitierten Kritikpunkten genannt werden?
Stellen Sie Vorteile dieser Systeme ihren Nachteilen gegenüber.