Das Neue an den Neuen Medien

Im vorangegangenen Abschnitt wurde auf Parallelen in der gesellschaftlichen Bewertung von Buchdruck und Internet verwiesen. Wie ähnlich, wie unterschiedlich sind beide Medien? Anders gefragt: Was bedeutet es, wenn wir lesend und schreibend, produzierend und rezipierend im Netz unterwegs sind? Was ist das Neue an den neuen Medien und wie lange ist das Attribut 'neu' eigentlich noch zeitgemäß?
Computer und Internet sind Medien, die sich zwischen den Polen Massen- bzw. Individualmedium bewegen. Alle Rezipientinnen und Rezipienten nutzen, wenn auch über verschiedene Zugangswege (Browser, Plattformen und Provider) dasselbe Netz. Gleichzeitig verfügen Nutzer/innen über individuelle Filter und Zugänge, zum Beispiel RSS-Feeds, Bookmarks, subskribierte Mailinglisten, Avatare und Agenten, Portalmitgliedschaften, etc. Faßler (1999) hat für diesen Umstand den Begriff „MassenIndividualMedium“ geprägt. Elektronischer Text ist prinzipiell wandelbar, der Zugang zu Publikationsmöglichkeiten nicht exklusiv und die Rückkopplung der Lesenden durch die Vernetzung jederzeit möglich.
Wie gut verstehen wir dieses „MassenIndividualMedium“? In der ersten Ausgabe des Magazins „New Media & Society“ stellt Herausgeber Roger Silverstone 1999 die Frage, was denn eigentlich das Neue an den neuen Medien sei: „To ask the question‚ What’s new about new media?’ is, of course, to ask a question about the relationship between continuity and change; a question that requires an investigation into the complexities of innovation as both a technological and a social process […] Do new media create new meanings? Do they enable or disable social and cultural change? How are we to disentangle the various components of media and technology change as they affect, or are presumed to affect, organizations, the political process, global commerce, everyday life? What is this space called cyber?“ (Silverstone, 1999, 10-11).
Technische Innovation und soziale Praxis wirken zusammen und geben gemeinsam digitalen Netzmedien eine Gestalt – auch aus diesem Grund sind die von Silverstone aufgeworfenen Fragen keineswegs als gelöst zu betrachten, sondern begegnen uns in neuem Gewand immer wieder, aktuell in der Diskussion um Web 2.0. Diese Ko-Evolution von Anwendung und Herstellung wird in der Forschung zur Technikgenese (engl. „social construction of technology“ auch „social informatics“) untersucht. Demzufolge ist die Implementierung neuer Technologien das Ergebnis von Verhandlungsprozessen und Handlungen verschiedener sozialer Akteurinnen und Akteure mit individuellen Zielstellungen, Interessen und unterschiedlichen infrastrukturellen und kulturellen Hintergründen. Der virtuelle Raum transzendiert nicht den realen Raum, sondern drückt eine soziale und gesellschaftliche Realität aus. Der Medienforscher Rob Kling hat in den 1990er Jahren begonnen, aus soziologischer Perspektive digitale Informations- und Kommunikationstechnologien in Organisationen zu untersuchen und dabei ein so genanntes „Web-Modell“ entwickelt. Soziale Rollen, vorhandene Infrastrukturen und zeitliche Verläufe wirken zusammen, wenn sich ein neues Kommunikationsmedium durchsetzt – oder  wieder verschwindet (Kling, 1991).
Technische Errungenschaften sind nicht nur „Möglichkeitsmaschinen“ (Großklaus, 1997), sondern ziehen auch Einschränkungen nach sich. Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ aus dem Jahr 1939 reflektiert die umwälzenden Wirkungen des Films und anderer technischer Medien auf die Kunst und zieht Rückschlüsse auf deren Stellung und Funktion innerhalb der Gesellschaft. Die Möglichkeit der massenhaften Reproduktion führt zum Verlust der „Aura“ eines Kunstwerks.
„Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet. […] Das Hier und Jetzt des Originals macht den Begriff seiner Echtheit aus. […] Während das Echte aber der manuellen Reproduktion gegenüber, die von ihm im Regelfalle als Fälschung abgestempelt wurde, seine volle Autorität bewahrt, ist das der technischen Reproduktion gegenüber nicht der Fall. […] Die Kathedrale verlässt ihren Platz, um in dem Studio eines Kunstfreundes Aufnahme zu finden; das Chorwerk, das in einem Saal oder unter freiem Himmel exekutiert wurde, lässt sich in einem Zimmer vernehmen“(Benjamin, 1939, 4).
Benjamins ästhetische Überlegungen – einer theoretischen Linse gleich – ermöglichen uns die Effekte der Digitaltechnologie in Hinblick auf die Erlebnisqualität in medial vermittelten Lernsituationen zu betrachten. So geht beispielsweise bei der Aufzeichnung von Lehrveranstaltungen das Ursprüngliche eines Vortrags in Teilen verloren. Das erklärt, warum Studierende trotzdem noch in den Hörsaal gehen, wenn alles im Netz verfügbar ist. Und was passiert, wenn die Kopie vom Original nicht mehr unterscheidbar ist? Worin besteht die Aura eines Hypertextes oder eines PDF-Dokuments? Über den Schutz von Urheberrechten hinausgehend gibt es einen Bedarf solche Fragen konstruktiv zu erörtern.
In der Praxis: Ringvorlesung „Medien und Bildung"
„Eine Pädagogik, die ohne Mittel und Mittler auskommt – un-mittelbar sozusagen –, ist nicht denkbar“, so beschreibt die Ringvorlesung „Medien und Bildung“ die Bedeutung von Informations- und Kommunikationstechnologien für das Lehren und Lernen. Die auf dem Portal podcampus bereitgestellte Ringvorlesung erkundet das interdisziplinäre Feld der Medientheorie aus der Perspektive von Philosophie über die Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaften bis zur Informatik. http://www.podcampus.de/channels/47