Metaphern, Medien und Dekonstruktion: „There is nothing outside the text“

Eine Metapher ist ein sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort aus seinem Bedeutungszusammenhang in einen anderen Kontext übertragen und als Bild verwendet wird. Wir benutzen ganz selbstverständlich im alltäglichen Sprachgebrauch verschiedene Metaphern im Zusammenhang mit (neuen) Medien: Ausdrücke wie Datenautobahn, Netz-Surfer, Informationsflut, Cyberspace, globales Dorf, Datenmeer, Computervirus und Cyberpiraterie kommen uns flüssig über die Lippen, doch was genau meinen wir damit?
„There is nothing outside the text“, eine Proklamation von Jaques Derrida, verweist darauf, dass unser Wissen sprachlich codiert ist. Wir können nur in Medien über Medien nachdenken, in Sprache über Sprache reden. Wir können uns daher keinen neutralen Beobachtungsstandpunkt suchen. Der Dekonstruktivismus, ein Begriff den Jaques Derrida in den sechziger Jahren in Paris prägte, richtet die Aufmerksamkeit auf die genaue Lektüre von Metaphern und Bildern.
Their purpose is to demonstrate, through comparisons of a work's arguments and its metaphors, that writers contradict themselves – not just occasionally, but invariably – and that these contradictions reflect deep fissures in the very foundations of Western culture. In other words, deconstruction claims to have uncovered serious problems in the way Plato and Hemingway and you and I think about matters ranging from truth and friendship to politics.“ (Stephens, 1991).
Der Dekonstruktivismus sieht den inneren Widerspruch als Teil der Conditio Humana, als eine anthropologische Grundkonstante. Brüche und Widersprüche in unserem Medienverständnis gibt es reichlich. Nicht nur streiten die Gelehrten, was denn eine geeignete Definition von „Medien“ eigentlich sei, auch scheiden sich die Geister in der Bewertung von neuen Medientechnologien: Sind sie Heilsbringerinnen oder Teufelsboten? Bringen Medien Menschen näher zusammen oder lassen sie uns vereinsamen? Machen sie schlau oder dumm? Beginnen wir zunächst mit dem Medienbegriff. Um das Wechselspiel von Medium, Botschaft, Adressatinnen und Adressaten, Senderinnen und Sendern, Störung und Empfang zu beschreiben, hat die Kommunikations- und Medienwissenschaft eine Vielzahl phantasievoller Anleihen, Vergleiche und Metaphern hervorgebracht.
Marshall McLuhans These aus den frühen 1960er-Jahren, „das Medium ist die Botschaft“ genießt bis heute eine große Popularität. McLuhan versteht Medien als funktionale Erweiterungen des menschlichen Körpers. In dieser Sichtweise kann selbst ein Flugzeug, Geld oder die Elektrizität zum Medium werden (Vollbrecht, 2005). McLuhans universelles Bild des Organersatzes begründete einen eigenen medienwissenschaftlichen Ansatz, der Medien einen Werkzeugcharakter zuschreibt. Medien werden als „Instrumente zur Veränderung von Wirklichkeit“ interpretiert (Sandbothe, 2003). Diese so genannten „anthropomorphen“ Ansätze stellen den Menschen in den Mittelpunkt und sehen Medien als Werkzeug oder eben als Prothesen des menschlichen Körpers, Computer werden zu „global vernetzten Prothesen der Sinne“ (Coy, 1994, 37).
Kritiker/innen finden, diese Sichtweise greife zu kurz. So sieht Lutz Ellrich (2005) es als vordringlichste Aufgabe der Medienphilosophie „die Organersatztheorie zu hinterfragen und generell die notorische Anthropomorphisierung technischer Errungenschaften zu bekämpfen“ (S. 343). Was ist der Ursprung solch kampfeslustiger Polemik? Die technischen Medien, beispielsweise Internet und Fernsehen, haben großen Anteil an der Wirklichkeitsvorstellung unserer Kultur. Die Art und Weise, wie technische Medien unsere Wirklichkeit durchdringen und formen ist so komplex, dass sie nicht von Individuen gesteuert wird, sondern sowohl in Produktion als auch Rezeption ein kulturelles Kollektiv widerspiegelt (Hartmann, 2003). Medien sind also nicht nur Organ oder Werkzeug der Welterschließung, sondern erzeugen gleichzeitig eine Medienwelt, die uns als „mediale Wirklichkeit“ bzw. „Medienöffentlichkeit“ im Alltag umgibt. Medien sind keineswegs neutrale Überträger von Information, sondern konstituieren das Kommunizierte selbst: „zum einen erhält nur was kommuniziert, mitgeteilt und überliefert werden kann, eine Bedeutung, und zum anderen formt die Gestalt der Mitteilung (eine Handschrift, ein gedrucktes Buch, ein technisches Bild) auch ihren Inhalt“ (Kloock & Spahr, 2000, 9).
In Kommunikations- und Medienwissenschaft hat sich ein globaler Medienbegriff wie von McLuhan vertreten in der Breite nicht durchgesetzt. Stattdessen wird meist zwischen Sprache und technischen Medien unterschieden. 
Eine klassische Einteilung der Medienwissenschaft geht auf Harry Pross zurück (1972). Dieser differenziert zwischen Primärmedien, die nicht technisch vermittelt sind, wie die direkte Rede; Sekundärmedien, bei denen der Technikeinsatz auf der Senderseite liegt, etwa der Buchdruck; und Tertiärmedien, bei denen sowohl für Produktion wie Rezeption technische Apparaturen nötig sind, beispielsweise Fernsehen und Internet.
Ein Grund, warum es schwer fällt, Medien begrifflich zu fassen, ist ihre Flüchtigkeit. Für die Philosophin Sybille Krämer (2008) ist die Figur des Nachrichtenboten in der Antike eine Personifizierung des Medienbegriffs: Wenn der Bote eine Meldung überträgt, tritt er nicht als eigenständiger Akteur auf, sondern bleibt stets im Hintergrund. Erst wenn es eine Störung in der reibungslosen Übertragung gibt, wird die Materialität des Mediums bewusst. Der Bote wird erst dann eine Figur in der Kommunikation, wenn er die Botschaft beispielsweise vergisst. Ansonsten hat das Vermittelte als Unmittelbares zu erscheinen. Medien werden also erst dann sichtbar, wenn sie nicht funktionieren, gestört sind oder nicht beherrscht werden.
Daraus ergibt sich ein Paradox im Diskurs um netzbasiertes Lernen und Lehren. Es gibt diesen Diskurs, eben weil das Lernen und Lehren mit Technologien noch nicht reibungslos funktioniert – netzbasierte Lehre ist dann erfolgreich etabliert, wenn die Medien wieder in den Hintergrund treten oder, anders gesagt, das Online-Lernen kein Thema mehr ist. Ein Widerspruch, an dessen Dekonstruktion Jaques Derrida Gefallen gefunden hätte.