Perspektivisches Fazit

Seit den ersten Überlegungen zu den Chancen, die sich durch das Internet für lebenslanges und autodidaktisches Lernen auftun, hat sich viel getan – allerdings vor allem auf der Seite der individuellen Lernenden: Hier haben inzwischen viele Personen Erfahrungen mit zeit- und ortsunabhängigen formellen und informellen Lernformen des E-Learning 1.0 und E-Learning 2.0 gemacht (zu den Begriffen formelles und informelles sowie E-Learning 1.0 und 2.0 vgl. das Kapitel #grundlagen). Hinzu kommt, und das ist ein maßgeblicher Unterschied zu klassischem Fern-/Teleunterricht, dass die Vernetzung Einzelner in sozialen Netzen in einer bislang noch nicht dagewesenen Dimension zunimmt (vgl. zum Beispiel die Darstellung der historischen Entwicklung im Kapitel #fernunterricht) und damit auch unabhängig von konkreten Unterstützungsangeboten soziales Lernen möglich wird.
Offene Fragen gibt es dagegen in den Bereichen, die öffentliche oder auch politisch-strukturelle Entscheidungen erfordern. Dies beginnt bei der Qualitätssicherung von freien Online-Angeboten. Hier gibt es zwar verschiedene Initiativen interessierter Privatpersonen, etwa den Multi-User Blog http://moocnewsandreviews.com/, der sich zum Ziel gesetzt hat, eine Orientierung bei der Beurteilung von MOOCs zu geben. Auf Dauer sollten jedoch allgemeine Qualitätsstandards erarbeitet werden.
Gerade in den öffentlichen Medien wird derzeit auch häufig die Frage gestellt, ob freie Online-Lernangebote wie MOOCs auf Dauer Hochschulen überflüssig machen. Zwar ist derzeit nicht davon auszugehen, solange diese Kurse nicht in reguläre Curricula eingebettet sind und valide Prüfungsformen gefunden werden; sicher ist aber, dass offene Lernangebote und traditionelle Lehre wechselseitig Einfluss aufeinander nehmen werden. So gibt es zum Beispiel inzwischen Schulen, die ausschließlich OER einsetzen (Tonks et al., 2013), und auch in Deutschland ging 2013 das erste OER-Schulbuch online, das auf dem Rahmenlehrplan eines Bundeslandes (Berlin) beruht (http://schulbuch-o-mat.oncampus.de/loop/BIOLOGIE_1). Allerdings bleibt auch abzuwarten, ob und wie sich offene Lernangebote verändern, wenn sie in formale Bildungsgänge integriert werden: Dass so viele Personen freiwillig an MOOCs teilnehmen, muss beispielsweise nicht unbedingt bedeuten, dass sich eine ähnliche Begeisterung fortsetzen würde, wenn MOOCs zum regulären Pflichtprogramm an Hochschulen würden – auch die Akzeptanz von Elementen des „E-Learning 2.0“ in formalen Lernsettings entspricht keineswegs den Erwartungen, die aufgrund des großen Erfolgs von Web 2.0 damit verbunden worden waren.
Trotzdem trägt diese Entwicklung zu einer Veränderung der Lernkultur bei, die auch Lernformen und die Rolle traditioneller Bildungseinrichtungen betrifft, die in einer so diversifizierten Bildungslandschaft neue Aufgaben bekommen könnten – wie beispielsweise die Unterstützung Lernender beim Erwerb von Selbststeuerungs- und Medienkompetenzen. Es ist zu erwarten, dass wesentliche Anstöße zur Unterstützung solcher Klärungsprozesse aus den Initiativen einzelner Engagierter – etwa dem do-it-yourself-Ansatz der Edupunks (Ebner et al., 2011) – und aus dem (formellen und) informellen Austausch darüber in sozialen Online-Netzwerken kommen werden.