Frei verfügbare, kursungebundene Lernressourcen

Lerninteressierte können im Prinzip alle online gefundenen Materialien zum Lernen nutzen. Für Bildungsressourcen, die nicht nur frei zugänglich sind, sondern auch frei verwendet und gegebenenfalls sogar verändert werden dürfen, wird auch im deutschsprachigen Raum inzwischen meist der englische Begriff Open Educational Resources (OER) verwendet (ausführlichere Informationen über OER, etwa zur Geschichte der Bewegung oder zum Thema Lizenzen, gibt es im Kapitel #openness).

OER – die Perspektive der Lernenden

Aus der Perspektive der Lernenden geht es vor allem darum, zum einen Ressourcen zu finden, die dem eigenen Wissensbedarf, Kenntnisstand und Lernverhalten entsprechen, zum anderen, Kriterien und Anhaltspunkte zu haben, anhand derer sie die Qualität gefundener Materialien beurteilen können, insbesondere, wenn sie sich neu mit einem Thema beschäftigen. Solche Lernmaterialien zu finden, ist nicht ganz einfach. Um über zufällige Treffer hinaus gezielt passende Inhalte zu finden, müssen deshalb geeignete Suchstrategien eingesetzt werden.
In der Praxis: Hinweise für OER-Suchstrategien
  • Über inhaltliche Stichworte hinaus auch nach Metainformationen suchen (Niveaustufe, Format etc.) – das geht auch mit ganz normalen Suchdiensten!
  • Außer Suchmaschinen auch weitere Suchdienste einsetzen, zum Beispiel Social-Tagging- und Bookmarking-Dienste.
Ein Beispiel: Der Social-Bookmarking-Dienst ‚Edutags‘ ist speziell darauf ausgerichtet, OER zu sammeln, zu verschlagworten und zu bewerten. URL: http://www.edutags.de
Neben der einfachen Suche im Internet kann es auch hilfreich sein, auf OER-Repositorien, vorstrukturierte Datenbanken (zum Beispiel Bilddatenbanken wie http://www.flickr.com oder fachspezifische Datenbanken wie http://www.chemgapedia.de und viele andere) oder auf die Seiten bestimmter Anbieter und Institutionen zurückzugreifen. Auch sie ermöglichen die Suche nach inhaltlichen Schlagworten und weiteren Kriterien wie Niveaustufen, Umfang und Kontext der angebotenen Materialien etc. (vgl. hierzu auch das Kapitel #metadaten). Wer beispielsweise die Materialien des Massachusetts Institute of Technology nutzt, das 2003 als erste renommierte Bildungsinstitution seine Kursunterlagen öffentlich zugänglich machte, kann sich darauf verlassen, dass die Inhalte dem Niveau einer angesehenen Universität entsprechen (MIT OpenCourseWare: http://ocw.mit.edu/index.htm). Auch in Deutschland bieten inzwischen viele Universitäten Kursunterlagen oder andere Materialien wie zum Beispiel Veranstaltungsaufzeichnungen an, entweder auf eigenen Plattformen oder über Kanäle wie iTunesU, den Hochschulkanal der Firma Apple.
In der Praxis
Wie unterschiedlich OER-Repositorien konzipiert sein können, zeigt der folgende exemplarische Vergleich:
  • ZUM-Wiki: Zielgruppe des Wikis der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet sind vor allem Lehrer/innen. Das Wiki enthält eine Fülle von didaktisch aufbereiteten OER, die im Unterricht eingesetzt werden können, aber auch für Selbstlernende interessant sind. Es ist nicht nur frei zugänglich und enthält frei verwendbare Materialien, sondern alle Interessierten können Inhalte einstellen, verändern und mit Kommentaren versehen. URL: http://www.wiki.zum.de.
  • Khan Academy: Die nicht-kommerzielle Webseite richtet sich insbesondere an Schüler/innen beziehungsweise Selbstlernende und bietet eine große Zahl von Lehrfilmen aus den Bereichen Naturwissenschaften, Geschichte und Wirtschaft; außerdem enthält sie Übungsaufgaben, und es können Fragen gestellt werden. Dass Nutzende eigene Inhalte einstellen oder Materialien verändern und so dazu beitragen, das Angebot gemeinsam weiterzuentwickeln, ist jedoch nicht vorgesehen. URL: http://www.khanacademy.org/
Mittlerweile existiert eine Vielzahl von deutsch- und englischsprachigen OER-Sammlungen auf unterschiedlichen Ebenen: von engagierten Einzelpersonen sowie von kleineren oder größeren Communitys (zum Beispiel von einzelnen Fachbereichen oder kompletten Hochschulen), national (einige Länder unterstützen inzwischen die Einrichtung staatlicher OER-Repositorien) oder international. So gehören zu den Angeboten der Wikimedia-Foundation, einer internationalen Organisation zur Förderung freien Wissens, neben der Online-Enzyklopädie Wikipedia unter anderem auch die Seiten Wikiversity (http://www.wikiversity.org/‎) und Wikieducator (http://www.wikieducator.org/).
In der Praxis: Im Dschungel der OER-Repositorien?
Inzwischen gibt es eine Vielzahl von OER-Repositorien, die sich je nach anbietender Institution und Zielgruppen, aber auch in Struktur und Aufbau stark voneinander unterscheiden können. An dieser Stelle soll deshalb auf eine Übersichtsseite des E-Learning-Informationsportals e-teaching.org verwiesen werden, auf der eine Vielzahl von Materialsammlungen, Medien- und Fachdatenbanken vorgestellt wird. Neben einer Kurzbeschreibung gibt es jeweils Informationen zum Umfang, zu den Suchkriterien innerhalb des Angebots sowie gegebenenfalls zu weiteren vorhandenen Funktionen und Diensten. Geordnet ist die Sammlung vorrangig nach Medientypen:
  • Repositorien für freie Lehr-/Lernmaterialien
  • Datenbanken für Bilder, Videos und Audio
  • E-Lectures (Repositorien mit Vorlesungsaufzeichnungen)
  • Fachbezogene Mediensammlungen 
Gemeinsam ist vielen OER-Repositorien, dass sie zunächst einmal Materialsammlungen sind. Häufig richten sie sich primär an Lehrende, die Unterrichtsmaterialien suchen, teilen oder gemeinsam weiterentwickeln wollen. Zwar werden immer häufiger Foren, Kommentarfunktionen oder andere Kommunikationselemente integriert, oder es existieren externe Gruppen in sozialen Netzwerken, die oft von den Nutzenden selbst ins Leben gerufen wurden. Doch welche Themen dort behandelt werden und wie hilfreich der Austausch ist, hängt vom Engagement der Einzelnen ab. OER-Repositorien können zwar von allen Interessierten genutzt werden, Unterstützungs- oder Betreuungsangebote für Selbstlernende sind jedoch meist nicht vorgesehen. Das bedeutet: Die Auswahl und gegebenenfalls die Kombination der genutzten Lernressourcen liegen ebenso in der Hand des beziehungsweise der Lernenden wie die (autodidaktische) Gestaltung des Lernprozesses, also Faktoren wie Motivation, Lerntempo und Kontrolle des Lernfortschritts.

Soziales Lernen und Strukturierung des Lernens in Lernportalen und Lern-Communities

Anders ist dies meist in Lernportalen und Lern-Communities, die beide unterschiedliche weitere Möglichkeiten zur Unterstützung von Selbstlernprozessen bieten. So geht es in Lern- und auch in Forschungs-Communities explizit um den Aufbau, die Pflege und die Nutzung von Kontakten zu Gleichgesinnten (vgl. e-teaching.org 2012, Art. Social Networking; dort findet sich auch eine Auswahl solcher Communities). Damit wird eine „soziale Rahmung des Lernens“ (Kerres 2012, 21) unterstützt, die es bei ausschließlich autodidaktischem Lernen (zum Beispiel mit OER) nicht gibt. Soziale Komponenten können unter anderem zur Aufrechterhaltung der Motivation beitragen, durch den sozialen Vergleich Wissenslücken bewusst machen oder multiple Perspektiven auf den Lerngegenstand eröffnen (ebenda).
Auch Lernportale können soziales Lernen und Gruppenbildung unterstützen oder an soziale Netzwerke angebunden sein. Insbesondere aber dienen sie der Unterstützung und Strukturierung des eigenen Lernprozesses. So ermöglichen sie es Lernenden beispielsweise, Lernobjekte – Video- oder Audiocasts, Blogs, Bilder, Dokumente und so weiter – zu sammeln, zu organisieren und mit eigenem Wissen anzureichern. Beispiele für solche „Kurationsplattformen“ sind Learnist (http://learni.st), ScoopIt (http://scoop.it) oder Edshelf (http://edshelf.com). Werden an Hochschulen statt geschlossener Lernmanagementsysteme (vgl. dazu das Kapitel #informationssysteme) Lernportale eingesetzt (zum Beispiel Drupal, http://www.drupal.de/), so ermöglicht das den Lernenden und Lehrenden, sich ihre eigene persönliche Lernumgebung einzurichten und zugleich mit einer Lerngruppe zusammenzuarbeiten, zum Beispiel dieselben Materialien, Werkzeuge und Aufgabenstellungen nutzen zu können und ausgewählte Informationen mit den anderen zu teilen (vgl. zu diesem Abschnitt Kerres 2012, 459ff.).
Eine feste Definition der Begriffe Lernportal und Lern-Community gibt es derzeit noch nicht; so werden sie etwa im Bereich des Sprachenlernens – wie im Praxisbeispiel erläutert – etwas anders genutzt als oben beschrieben (vgl. zum Sprachenlernen mit Technologien auch das Kapitel #fremdsprachen).
In der Praxis: Communities und Portale zum Sprachenlernen
  • Sprachlern-Communities, beispielsweise http://www.palabea.com, setzen vor allem auf die soziale Komponente. Oft stellen sie kaum eigene Lernmaterialien zur Verfügung, vermitteln aber Kontakte zu anderen registrierten Nutzenden, helfen bei der Bildung von Lerntandems und so weiter. Dazu stellen sie verschiedene synchrone und asynchrone Kommunikationswerkzeuge wie zum Beispiel virtuelle Klassenräume oder Foren zur Verfügung und schaffen Lernanlässe wie die Bearbeitung von Aufgaben.
  • Sprachlernportale – führende Anbieter wie http://www.livemocha.com oder http://www.busuu.com haben mehrere Millionen registrierte Nutzer/innen – enthalten über soziale Komponenten wie tutorielle Betreuung und Unterstützung hinaus Einstufungstests und vor allem strukturierte multimediale Lerneinheiten mit Vokabel-, Sprech- und Grammatiktrainings, Tests und anderen Funktionen.
Welche Funktionen in einem Sprachlernportal oder einer Sprachlern-Community zur Verfügung stehen, hängt von den einzelnen Anbietenden ab. Oft können kostenfrei nutzbare Funktionen durch kostenpflichtige Angebote ergänzt werden. Allerdings ist es für Lernende häufig schwierig abzuschätzen, was genau ein Angebot leistet. Kritisiert werden unter anderem eintönig gestaltete Lerneinheiten und schlichte didaktische Konzepte, aber auch mangelnde Unterstützung bei der Suche von Lernpartnern und -partnerinnen und weiteres (Heywinkel 2012).