Zur Entwicklung des technologiegestützen Lernens heute

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Online-Lernen oder E-Learning rasant entwickelt. Im Jahr 2012 haben in den USA 6,7 Millionen Studierende Online-Kurse belegt, was einer Steigerung zum Vorjahr von 9,3 Prozent entspricht. Der Anteil der Studierenden in den USA, die zumindest einen Online-Kurs belegen, liegt bei 32 % (Allen & Seaman, 2013). Die steigende Nachfrage nach technologiegestützen, räumlich und zeitlich flexiblen Bildungsangeboten, lässt sich am Beispiel des amerikanischen University of Maryland University College (UMUC) gut illustrieren, heute einer der größten Anbieter von Online Studiengängen weltweit. UMUC wurde 1947 als Weiterbildungseinheit an der University of Maryland College Park gegründet und wurde 1972 zur unabhängigen Universität (Allen, 2004). Noch 1995 waren nur 1.000 von 30.000 Studierenden dieser Universität Fernstudierende, die hauptsächlich mit gedruckten Studienmaterialien lernten. Im Jahr 1997 wurde der erste Online-Kurs mit 110 Studierenden durchgeführt. Seitdem hat sich die Anzahl der Online-Kurs-Belegungen auf annähernd 200.000 im Jahr 2009 gesteigert. Die Zahl der Studierenden hat sich seitdem auf über 90.000 mehr als verdreifacht (Zawacki-Richter et al. 2010).
Hier ist eine sehr interessante Entwicklung zu beobachten: Immer mehr jüngere Personen entscheiden sich nach der Schule für ein Online-Studium. Sie gehören nicht zur traditionellen Klientel der Fernuniversitäten, deren Zielgruppe schwerpunktmäßig die sogenannten „nicht-traditionellen Studierenden“ (Teichler & Wolter, 2004) sind. So schreibt Nick Allen (2004), damals Präsident von UMUC:
„Unsere Studierendenschaft ist recht heterogen. Die größte Gruppe ist die der 25 bis 44-jährigen, aber die Gruppe der unter 25-jährigen wächst immer stärker. Das sind eigentlich traditionelle Studierende, die normalerweise zu einer Präsenzuniversität gehen. In den USA werden jedoch die Universitäten immer teurer, sodass viele Studierende arbeiten müssen und in Teilzeit studieren müssen. So kommen immer mehr zu uns“ (274, Übersetzung durch den Autor).
Die Grenzen zwischen traditionellen Fern- und Präsenzuniversitäten verschwimmen also immer mehr: nicht nur bezüglich des Medieneinsatzes, sondern auch im Hinblick des Profils ihrer Zielgruppen (Alheit et al., 2008). Auch die medientechnische Hard- und Software entwickelt sich immer weiter. Im Folgenden sollen neue Anwendungen des mobilen Lernens und Web 2.0 (Social Software) vorgestellt werden, jedoch auch eher aus historischer Perspektive. Weitere Kapitel in diesem Lehrbuch beschäftigen sich tiefergehend mit diesen Themen.
Die Nutzung mobiler Endgeräte und Anwendungen des Web 2.0 (Social Software) eröffnen neue Möglichkeiten des ubiquitären, gemeinsamen Lernens.

Mobiles Lernen

Mobile Endgeräte wie Handys und Tablet-Computer ermöglichen eine noch stärkere räumliche Flexibilität als das E-Learning am PC. Das Lernen wird mobil („mobile Learning“, Ally, 2009; siehe Kapitel #mobil). In einer Umfrage zur Entwicklung des mobilen Lernens im Jahr 2005, auf die Expertinnen und Experten aus 27 verschiedenen Ländern geantwortet haben, glaubten 78 Prozent der Befragten, dass das Lernen mit mobilen Endgeräten innerhalb von drei bis fünf Jahren zum Standard gehören wird.
Von den beteiligten Fernstudieninstitutionen waren bereits 55 Prozent dabei, Inhalte für das mobile Lernen zu entwickeln beziehungsweise planten, dies in Kürze umzusetzen (Zawacki-Richter et al., 2009).
Die Flexibilität mobiler Technologien eröffnet insbesondere für die didaktische Gestaltung von Lernprozessen neue Möglichkeiten für forschendes Lernen und just-in-time Zugang zu Wissen und Informationen (Kukulska-Hulme & Traxler, 2005).
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Eine aktuelle Mediennutzungsstudie mit 2.339 Studierenden zeigt: Bereits 56 % der Studierenden besitzen und nutzen ein Smartphone mit Internetzugang (Zawacki-Richter & Müskens, 2013). Die weltweite Verbreitung mobiler Endgeräte ermöglicht aber auch gerade für Menschen in Entwicklungsländern den Zugang zu Bildung.
Die Entwicklungsländer sind gerade dabei, die Entwicklungsstufe des verkabelten Internets zu überspringen (Brown, 2004; siehe Kapitel #entwicklungszusammenarbeit). In einem Fernstudienprojekt an der University of Pretoria zur Fortbildung von über 20.000 Lehrerinnen und Lehrern im ländlichen Raum von Südafrika wurde festgestellt, dass nur 0,4 Prozent der Teilnehmenden Zugang zu E-Mail hatten, aber 99,4 Prozent ein Mobiltelefon besaßen. Bereits 2003 wurde daher in der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung mit mobilem Lernen begonnen (Keegan, 2005).

Gemeinsames Lernen im Web 2.0

Web 2.0 ist eine Bezeichnung zur Beschreibung von interaktiven Anwendungen des Internet und WWW. Unter dem Begriffverstand Tim O'Reilly „design patterns and business models for the next generation of software“ (O'Reilly, 2005). Der Begriff steht insbesondere für eine geänderte Wahrnehmung des Internet. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Content-Management-Systeme und datenbankbasierte Systeme, die dynamisch aktuelle Inhalte erzeugen. Der Hauptaspekt beim Web 2.0 ist, dass die Webseiten nicht mehr wie beim Web 1.0 aus statischen HTML-Seiten bestehen, sondern die Nutzer selbst Inhalte erstellen können. Die Philosophie des Web 2.0 befreit aus der Konsumentenrolle. Typische Beispiele hierfür sind Wikis, Weblogs, Social Tagging (gemeinschaftliches Indexieren) sowie Bild- und Video-Sharing-Portale. Die Nutzung dieser interaktiven Technologien auch für das Online-Lernen liegt auf der Hand, denn das „Social Web“ und „Social Software“ bieten sich in besonderer Weise für das kooperative Lernen an (Erpenbeck & Sauter, 2007).
Es entsteht eine Vielzahl von Web-Angeboten, die über keinen eigenen Datenbestand verfügen, sondern lediglich Daten von Dritten zu neuen Diensten kombinieren („Mash-Up“; siehe Kapitel #webtech). Vor allem die Kreativität der Nutzer/innen ist ein tragendes Element der Web-2.0-Kultur (Surowiecki, 2005). Dienste wie zum Beispiel FlickR oder Wikipedia leben von der aktiven Inhaltsgenerierung ihrer Nutzer/innen. Die Grenzen zwischen Produzentinnen und Produzenten und Konsumentinnen und Konsumenten aus der Web-1.0-Phase verschwinden zunehmend. Nachdem das Internet Computer verband und das WWW Informationen verknüpft, verbindet nun das Web 2.0 Menschen miteinander. Angebote „sozialer Netzwerke“ wie Xing, Facebook oder Google+, aber auch Kommunikationsmedien wie Blogs, schaffen ausdifferenzierte Räume der (teil-)öffentlichen Kommunikation im Internet, die eine zunehmende individualisierte Nutzung des Mediums Internet begünstigen (Wolling, 2009). Vor allem die intuitive Bedienung und einfache Vernetzungsmöglichkeit der verschiedenen Web-2.0-Dienste untereinander sind die wesentlichen Gründe für den Erfolg des „Mitmach-Netzes“.
Zudem können verschiedene Anwendungen von Lernenden individuell zu einer personalisierten Lernumgebung kombiniert werden. „Personal Learning Environments“ (PLE) sind webbasierte Mashups, die den Lernenden als individuelle Lernumgebungen dienen (Attwell, 2007). Sie basieren auf der individuellen Selektion und Aggregation von verschiedenen Diensten aus dem Internet durch die Nutzer/innen selbst. Mit den sozialen Netzen im Web 2.0 und den PLE rückt das selbstgesteuerte und aktive Lernen der Studierenden mehr in den Fokus (Schaffert & Kalz, 2009; siehe Kapitel #systeme): „Given the amount of attention that communication features and learning from peers (not just instructors) have received even in the traditional eLearning context over the past few years, it is easy to see that this strong social streak in the Web 2.0 movement directly plays into the hands of any effort to increase knowledge sharing and transfer“ (Rollett et al., 2007, 97).
Betrachten Sie die Entwicklung des Fernunterrichts aus der Perspektive der Lehrenden: Wie wandelten sich ihre Aufgaben und unterrichtlichen Möglichkeiten im Laufe der Zeit?
Betrachten Sie die Entwicklung des Fernunterrichts aus der Perspektive der Lernenden: Was waren und sind wohl ihre Motive und Anlässe, keinen Präsenzunterricht zu besuchen? Wie hat sich dies im Lauf der Zeit gewandelt?