Generationen technologischer Innovationen

Viele Erfindungen und Entwicklungen im Bereich der Medientechnologie eröffneten neue Wege der Kommunikation und Betreuung, zum Beispiel durch die Möglichkeit, eine Tutorin oder einen Tutor anzurufen, um eine inhaltliche Frage zu klären oder die Möglichkeit, bei einer Bibliothek einen Aufsatz über die Online-Fernleihe zu bestellen (Zawacki-Richter, 2004).
Garrison (1985) unterscheidet drei Generationen technologischer Innovation, die einen Paradigmenwechsel des Lernens und Lehrens im Fernstudium ausgelöst und somit die Qualität des Lernprozesses nachhaltig verändert haben. Aus historischer Perspektive sind die drei Meilensteine technologischer Innovation nach Garrison die Printmedien, die Telekommunikationsmedien und der Computer. Lernen ist ein sozialer Prozess. Medien, die eine zweikanalige Kommunikation ermöglichen, sind daher von besonderer Wichtigkeit. Unidirektionale Medien, zum Beispiel das Radio, Fernsehen oder DVD, werden von Garrison daher auch als begleitende oder ergänzende Medien (engl. „ancillary media“) bezeichnet: „[...] other media are not considered to have significantly altered the delivery of distance education. The main reason is the non-interactiveness of media such as radio and television broadcasts, audio and video cassettes, laser videodiscs, and audiographics. For this reason, these media are viewed as being in a separate category, since they are incapable of providing two-way communication“ (Garrison, 1985, 239). Garrison (1985)beschreibt die Medien als eine Funktion von Interaktion der Beteiligten sowie der räumlichen und zeitlichen Unabhängigkeit (S. 240). Auch wenn Garrison in den 1980er Jahren die enorme Entwicklung des Internets nicht vorhersehen konnte, so erscheint sein Modell trotz des frühen Entstehungsjahres noch passend, da auch das heutige technikgestützte Lernen wesentlich durch die computervermittelte Kommunikation geprägt ist. Im Folgenden wird die Abfolge medientechnologischer Innovationen in Anlehnung an Garrison (1985) beschrieben.
Abb. 1: Selbstlernmaterialien um die Jahrhundertwende aus dem Archiv der Deutschen Fernstudiendokumentation an der FernUniversität in Hagen (Fremdsprachenbücher mit Lautschrift von Langenscheidt und Schallplatten zur „Anwendung für Sprechmaschinen“)
Es lassen sich drei Generationen unterscheiden: die Korrespondenz-Generation (ab ca. 1850), die Telekommunikations- oder Fernuniversitäten-Generation (ab ca. 1960) und die Computer- und Internet-Generation (ab ca. 1990).

Die Anfänge: Korrespondenz-Generation

Die erste Generation war der printbasierte Fernunterricht, in der für das Selbststudium aufbereitete Studienbriefe verschickt wurden und die Teilnehmer/innen per Briefwechsel von einem Tutor betreut wurden. Die Wurzeln des Fernunterrichts und des Fernstudiums gehen über 250 Jahre in die Vergangenheit zurück.
Bereits 1728 inserierte Caleb Phillipps („Teacher of the New Method of Short Hand“) in der Boston Gazette Anzeigen für seine Stenographie-Fernkurse: „[Any] persons in the country desirous to learn this art, may by having the several Lessons sent weekly to them, be as perfectly instructed as those that live in Boston“ (Battenberg, 1971, 44).
In Europa brachte Gustav Langenscheidt zusammen mit Charles Toussaint Selbstunterrichtsbriefe für Französisch-Sprachkurse heraus. Die beiden entwickelten die „Methode Toussaint-Langenscheidt“, mit der die französische Aussprache in Studienbriefen vermittelt werden konnte. Die Lautschrift ist also eine Entwicklung des Fernunterrichts. Die Durchsetzung der Lautschrift war auch die Grundlage für die erfolgreiche Gründung des Verlages von Gustav Langenscheidt im Jahr 1856.
Eine tutorielle Begleitung durch ständigen Briefwechsel war allerdings ursprünglich in beiden Fällen (Phillipps, Langenscheid) noch nicht vorgesehen. So sind diese Formen des Selbstunterrichts streng genommen noch nicht als Fernunterricht zu bezeichnen. Bidirektionale Kommunikation ist aus dem Institut für brieflichen Unterricht von Simon Müller in Berlin (1897) überliefert (Delling, 1992).
Die University of London war die erste Universität, die 1858 Korrespondenzkurse für Auswanderer/innen in den Kolonien in Australien, Kanada, Indien, Neuseeland und Südafrika in ihr Angebot aufnahm. Mit einem Postschiff wurden Studienmaterialien zusammen mit einem Syllabus, Musterklausuren und einer Liste mit Prüfungsorten und -terminen verschickt: Eine persönliche Betreuung der Studierenden gab es nicht (Ryan, 2001). Die ersten Korrespondenzkurse wurden nicht von Fernstudienspezialistinnen und -spezialisten geschrieben, sondern von Lehrenden traditioneller Universitäten – sie waren also Vorlesungen in schriftlicher Form. Großbritannien gründete 1875 in Pretoria (Südafrika) einen Vorgänger der heutigen University of South Africa (UNISA) als erste dezidierte Fernuniversität der Welt. Sie ist auch heute noch, mit über 200.000 Studierenden, die größte Fernuniversität Afrikas.
Institutionen des Fernunterrichts und des Fernstudiums haben schon sehr früh Bildungstechnologien eingesetzt, da das Lernen und Lehren hier durch Medien überhaupt erst ermöglich wird. Erste Fernunterrichtsanbieter gab es im deutschsprachigen Raum Mitte des 19. Jahrhunderts (Sprachkurse von Gustav Langenscheidt), die erste Fernuniversität wurde 1875 in Südafrika gegründet.
Das Korrespondenzstudium eröffnet die Möglichkeit, unabhängig von Raum und Zeit zu lernen. Es wurde bald erkannt, dass mehr Selbstständigkeit der Studierenden nicht einfach daraus resultiert, dass man sie sich selbst überlässt. So wurde die vorherrschende unidirektionale Kommunikation, das heißt der Versand von vorgefertigten Studienmaterialien von der Institution zu den Studierenden, durch bidirektionale Kommunikation ergänzt, zum Beispiel durch Präsenzveranstaltungen, briefliche Tutorien oder telefonischen Kontakt. Die Möglichkeiten waren jedoch aufgrund der geringen technischen Entwicklung sehr begrenzt. Die Antwortzeiten waren in der Regel lang, da die Kommunikation von der Post per Eisenbahn oder Schiff abhängig war. Heute werden die Studierenden allerdings durch einen Mix von Betreuungsangeboten unterstützt, die im weiteren Verlauf der Entwicklung eingeführt wurden.
Das Fernstudium der ersten Generation war also gekennzeichnet durch die noch sehr eingeschränkte bidirektionale Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrenden. Der Kontakt zu anderen Lernenden war allenfalls im Rahmen von Präsenzveranstaltungen möglich und somit extrem eingeschränkt.

Telekommunikations- oder Fernuniversitäten-Generation

Die zweite Generation in der Entwicklung des Fernstudiums ist eng mit der fortschreitenden Institutionalisierung und der Gründung der Open Universities Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre verknüpft. Eine Vorreiterrolle nahm die im Jahre 1969 gegründete britische Open University (OUUK) ein. 1974 wurde im deutschsprachigen Raum die FernUniversität in Hagen gegründet, die heute mit circa 90.000 Studierenden nach der Studierendenzahl die größte Universität Deutschlands ist. In den neuen Fernuniversitäten wurde ein systemischer Ansatz angewandt, das heißt die Prozesse der Kurskonzeption, der mediendidaktischen Aufbereitung, der Produktion und Distribution und schließlich die fachliche und organisatorische Betreuung der Lernenden, unterliegen einem arbeitsteiligen Prozess des didaktischen Designs (Morrison et al., 2007).
Eine neue Entwicklung der zweiten Generation des Fernstudiums war die Eröffnung von Studienzentren, die ein wichtiges Element des Support-Systems darstellen. In Großbritannien werden die Studierenden durch ein Netz regionaler und lokaler Studienzentren betreut (Tait, 2000). Nach dem Vorbild der OUUK haben viele Fernuniversitäten Studienzentren eingerichtet, so auch die FernUniversität in Hagen (Groten, 1992). Sie eröffnen den Zugang zu Technologie (zum Beispiel Computer, Videokonferenzanlagen), Studienmaterialien und Bibliotheksdiensten, sie bieten Studienberatung durch Fachkräfte, hier können die Studierenden ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen treffen und an tutoriellen Präsenzveranstaltungen teilnehmen und schließlich auch ihre Prüfungen ablegen. An der FernUniversität in Hagen werden die Studierenden über ein Netz von 13 Regionalzentren betreut.
Die Telekommunikationsmedien ermöglichen die elektronische Übertragung von Kommunikation in Form von Ton, Bild und Text über Telefon und Fax, Fernsehen, Video und Radio sowie über Audio-, Video- und auch schon Computerkonferenzen. Die Telekommunikations-Generation wird daher auch als „Multimedia Distance Teaching“ bezeichnet (Nipper, 1989). Die Bildungstechnologien spielen nicht nur in den Fernuniversitäten, sondern auch bei der Betreuung von Schulkindern in großen Flächenländern wie Australien in den so genannten „Busch-Schulen“, in denen früher zum Beispiel CB-Funk in Verbindung mit Präsenzphasen und Selbstlernmaterialien eingesetzt wurden, eine wichtige Rolle (Marginson, 1993).
Abb. 2: Computerunterstützer Unterricht, Projekt „MUPID“, TU Graz, 1985
In einer Audiokonferenz können mehrere Teilnehmer/innen synchron miteinander kommunizieren. Die langsame Antwortzeit wie beim Korrespondenzstudium wird drastisch verkürzt. Gleiches gilt für Videokonferenzen, mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich Bilddaten übertragen werden. Dieses Mehr an synchroner Interaktion wird allerdings mit reduzierter Skalierbarkeit der Betreuung von großen Studierendenzahlen erkauft. Ein Dilemma, denn hier nehmen wir Abschied von der gleichgearteten Betreuung einer sehr großen Anzahl von Lernenden, dem Prinzip der Massenhochschulbildung im Sinne des Open Learning (Peters, 1997, 24). Die Technik war aufwändig und musste von lokalen Studienzentren bereitgestellt werden, sodass die Studierenden nicht von zu Hause aus teilnehmen konnten, sondern sich zu einem festen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort einfinden mussten. Die Synchronität der Telekonferenzmedien steht dem Gedanken, einer möglichst großen Zahl von Personen einen flexiblen Zugang zum Studium zu ermöglichen, entgegen. Dies unterstreicht Daniel (1998) in einer glühenden Rede vor Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Kongresses von Videokonferenzanbietern, in der er von einer Krise des Zugangs, der Kosten und der Flexibilität spricht: „Group teaching in front of remote TV screens? This is not only an awful way to undertake distance learning, but flies in the face of everything that we have learned while conducing successful open and supported learning on a massive scale for the past 27 years. Our lessons are the key to addressing the triple crisis of access, cost and flexibility now facing higher education world-wide“ (Daniel, 1998, 1).
Um keine Lernenden von der Betreuung mit Telekommunikationsmedien auszuschließen, muss vor dem Hintergrund der Ansprüche und Möglichkeiten der jeweiligen Zielgruppe eine entsprechende Medienauswahl getroffen werden. In der Regel sind asynchrone Technologien für die Betreuung räumlich verteilter Lernender mit unterschiedlichen zeitlichen Verpflichtungen am besten geeignet. Hier bieten asynchrone Computerkonferenzen die beste Lösung (siehe Kapitel #videokonferenz).

Computer- und Internet-Generation

Große Bedeutung misst Garrison dem computergestützten Lernen (Computer Assisted Learning, CAL) bei. CAL-Programme sind Selbstlerneinheiten, die die Interaktion sowie räumliche und zeitliche Flexibilität maximieren sollen. Unter Interaktion wird hier die Interaktion der Lernenden mit dem Computerprogramm verstanden (Garrison, 1985, 238). Es hat sich jedoch gezeigt, dass der Programmierte Unterricht ohne soziale Interaktion und ohne Dialog zwischen Lernenden und Lehrenden sowie den Lernenden untereinander wenig erfolgreich ist (Schulmeister, 1999). CAL-Programme können allenfalls eine Ergänzung sein.
1989 veröffentlichte der britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee von der „European Organization for Nuclear Research“ (CERN) ein Proposal, in dem er ein dezentral verteiltes, hypermediales, netzwerkbasiertes System vorstellte (Berners-Lee, 1989). Das System, welches später als „World Wide Web“ (WWW) auch außerhalb von Forschungseinrichtungen populär wurde, basierte auf Darstellungsservern (Webservern), die Informationen speichern und verknüpfen sowie Darstellungsclients (Webbrowsern), welche die gespeicherten Informationen über das „Hypertext Transfer Protocol“ (HTTP) von Servern über das Internet abrufen und auf unterschiedlichen Endgeräten darstellen konnten. Unter „Hypertext“ versteht man nicht-linearen Text, der durch Knoten und Links netzwerkartig verknüpft ist. Erweitert man „Hypertext“ mit zeitdiskreten Medientypen (Bild, Grafik, usw.) und zeitkontinuierlichen Medientypen (Video, Audio, Animation, usw.), entsteht „Hypermedia“ (siehe Kapitel #hypertext).
Murray Turoff vom New Jersey Institute of Technology ist der Erfinder der Computerkonferenzmethode (Computer-Mediated Communication, CMC) und Entwickler der CMC-Plattform „Virtual Classroom“ (Turoff, 1995; Harasim et al., 1995). An der Open University UK wurde bereits 1988 „CoSy“ (conferencingsystem) für Online Tutorien mit 1300 Studierenden eingeführt (Mason, 1989; Harasim et al., 1995). Aus den einfachen Computerkonferenzsystemen haben sich die heutigen Lern- und Campus- Management-Systeme entwickelt. Eines der ersten Systeme,mit denen die Funktionen eines virtuellen Campus abgebildet werden konnten, war Virtual-U, welches unter der Leitung von Linda Harasim 1994 bis 1995 an der Simon Fraser University in Kanada entwickelt wurde.
Zum großen Durchbruch der computervermittelten Kommunikation verhalfen die massenhafte Verbreitung der Personalcomputer und die explosionsartige Entwicklung des Internet mit dem World Wide Web in den 1990er Jahren. Durch die weltweite Vernetzung und Verfügbarkeit der Computer sind Kontakte und der Zugang zu Informationen unabhängig von Raum und Zeit möglich.
Garrison (1985) hat die Entwicklung des medienvermittelten Lernens und Lehrens entlang von Generationen technologischer Innovationen, die einander ablösen, beschrieben. Diskutieren Sie, ob der Begriff der Generation hier wirklich passend ist.
Das isolierte Lernen wird im Fernstudium oft als ein Problem für den Studienerfolg genannt: „Distance learning can be very isolating, and inadequate attention to course design, student counselling and support can yield poor completion rates and the worst aspects of one-way knowledge transmission“ (Brindley& Paul, 1996, 43). Nach Kirkwood (1998) ist der wertvollste Beitrag, den vernetzte Computer und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien für das Fernstudium leisten können, der persönliche Dialog und Tools für gemeinsames Lernen und Arbeiten: „The availability of learners to each other and to the tutor asynchronously as well as synchronously, has the potential to overturn the emphasis on distance education as an individualised form of learning“ (Thorpe, 2002, 114). Hierin liegt der Grund für die große Bedeutung des Online-Lernens, da es die Vorteile der Flexibilität und der Zugangsmöglichkeiten des Fernstudiums mit den interaktiven Möglichkeiten der Zusammenarbeit in Präsenzgruppen verbindet.